Pro Sekunde nehmen wir etwa elf Millionen Informationen auf – verarbeiten können wir aber nur 40 bis 50. Um ressourcenschonend und effektiv durch den Alltag zu navigieren, laufen deshalb 90 Prozent aller Wahrnehmungs- und Denkprozesse unbewusst ab. Einfache Entscheidung treffen wir instinktiv, indem wir auf Erfahrungen zurückgreifen. Riskant wird es aber, wenn wir diese automatischen Entscheidungsprozesse auf Personen anwenden. Das erzeugt Rollenzuschreibungen, die sich für Betroffene nicht nur unfair anfühlen, sondern auch ihre Karriere behindern und schlimmstenfalls zu Diskriminierung führen können.

Vorschnelles Urteilen

Zunächst sollten wir uns fragen, warum wir überhaupt Vorurteile haben. Im Grunde genommen ist ein Vorurteil ein vorläufiges Urteil, das es nach genauerer Betrachtung der Umstände zu überprüfen gilt. Leider ist das im Alltag aber nur selten so. Im Ursprung hatte die Kategorisierung unseres sozialen Umfeldes aber eine nützliche Funktion: Die Vielzahl an Informationen, die auf uns einprasseln, werden geordnet und beurteilt, sodass wir schnell darauf reagieren können. Aufgrund von Vorurteilen, die häufig über mehrere Generationen einer Gesellschaft weitergegeben werden, lassen sich andere Menschen anhand einzelner Reize so “schnell bewerte”, Diese Vorurteile treffen häufig nicht zu, da sie auf vorschnellen Urteilen beruhen.

Wie kann ich meine eigenen Vorurteile ausschalten?

Zunächst ist es wichtig, sich klarzumachen, dass kein Mensch frei ist von Vorurteilen. Jeder muss für sich also eine gewisse Sensibilität entwickeln und Methoden, das eigene Gehirn zu überlisten. Das geht nur, wenn man sich die eigenen Vorurteile bewusst macht. In der Arbeitswelt haben sich anonymisierte Bewerbungen zwar nicht durchgesetzt, sie sind aber eine erfolgsversprechende Methode, um versteckte Vorurteile bei Personalern zu überlisten.

5 Arten von unbewussten Vorurteilen am Arbeitsplatz

1. Affinitäts-Voreingenommenheit

Diese auch als “like-likes-like” bezeichnete Voreingenommenheit bezieht sich auf die Tendenz, sich zu Menschen hingezogen zu fühlen, die uns ähnlich sind. Das kann bedeuten, dass man jemanden einstellt oder befördert, der das gleiche Geschlecht, das gleiche Alter oder den gleichen Bildungshintergrund hat.

Alternative: Stelle sicher, dass auf den Kandidatenlisten für alle offenen Stellen mindestens zwei qualifizierte Frauen sowie zwei Personen aus anderen ethnischen Gruppen stehen! Diversität ist hier das Stichwort.

2. Altersdiskriminierung

Benachteiligung einer Person aufgrund ihres Alters. Von Altersdiskriminierung sind Frauen in der Regel stärker betroffen als Männer, und sie beginnt bereits in jüngeren Jahren.

Alternative: Entferne das Datum des Schulabschlusses und der Berufserfahrung aus den Lebensläufen. Möglicherweise bringen ältere Arbeitnehmer Fähigkeiten und Erfahrungen mit, die jüngere Arbeitnehmer nicht haben?

3. Voreingenommene Zuschreibung

Da manche Menschen Frauen für weniger kompetent halten als Männer, kannst du ihre Leistungen unter- und ihre Fehler überbewerten.

Alternative: Gebe allen direkten Kollegen und Kolleginnen ehrliches, detailliertes Feedback, und verknüpfe es mit konkreten Geschäftszielen und Ergebnissen. Studien zeigen, dass das Feedback für Frauen eher vage ist und sich auf den Kommunikationsstil konzentriert, während Männer ein spezifisches Feedback erhalten, das sich auf Geschäftsziele und Fähigkeiten bezieht, die eine Beförderung beschleunigen.

4. Schönheitsvorurteil

Wenn man Menschen – insbesondere Frauen – danach beurteilt, wie attraktiv sie sind, spricht man von Schönheitsvorurteilen. Menschen, die als attraktiv wahrgenommen werden, werden meist positiver betrachtet und netter behandelt.

Alternative: Versuche, dich deiner urteilenden Gedanken in deinem Kopf bewusst zu werden. Konzentriere dich auf deine Arbeit, nicht auf das Aussehen.

5. Bestätigungsvoreingenommenheit

Bestätigungsvoreingenommenheit bezieht sich auf die Tendenz, nach Informationen zu suchen oder diese zu bevorzugen, die unsere bereits vorhandenen Überzeugungen bestätigen.

Alternative: Identifiziere deine persönlichen blinden Flecken. Entwickle ein eigenes Bewusstsein für unbewusste Vorurteile.

6. Konformitätsvoreingenommenheit

Diese Art der Voreingenommenheit ist in Gruppen sehr verbreitet und tritt auf, wenn deine Ansichten von den Ansichten anderer beeinflusst werden. Dies ist vergleichbar mit sogenannten “Gruppendenken”.

Alternative: Ziehe strukturierte Gespräche mit dem Gegenüber in Erwägung und warte mit dem Austausch deiner Gedanken bis das Gespräch beendet ist.

7. Der Kontrasteffekt

Diese Voreingenommenheit bezieht sich auf die Bewertung der Leistung einer Person im Vergleich zu einer anderen, weil du die Personen entweder gleichzeitig oder kurz nacheinander erlebt hast.

Alternative: Wenn du zwei Personen miteinander vergleichst, schreibe auf, warum du diese spezifische Person im Vergleich zu anderen bevorzugst. Achte hier wieder darauf, dass du jede Person einzeln beurteilst und nicht im Vergleich zueinander!

8. Geschlechtsspezifische Voreingenommenheit

Bevorzugung eines Geschlechts gegenüber einem anderen oder die Annahme, dass ein Geschlecht besser “geeignet” ist.

Alternative: Versuche, gendergerecht mit neutralen Formulierungen zu sprechen. Wenn du über Entwicklungsmöglichkeiten oder Beförderungen deiner Kolleg*innen nachdenkst, versuche, das Geschlecht der Person, an die du denkst, zu wechseln, um zu sehen, ob sich durch die neue Wahrnehmung dein Denken ändert.

9. Der Halo/Horns-Effekt

Die Tendenz, von jemanden mehr zu halten, nachdem man etwas Beeindruckendes über die Person erfahren hat (oder umgekehrt) jemanden negativ wahrzunehmen, nachdem man etwas Unvorteilhaftes über die Person erfahren hat.

Alternative: Überlege, warum du eine negative (oder positive) Wahrnehmung hast. Frage dich, ob deine Wahrnehmung von unbewussten Stereotypen herrührt, die beispielsweise auf Herkunft, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit beruhen.

10. Gewichtige Voreingenommenheit

Negative Beurteilung einer Person, weil sie größer oder schwerer ist als der Durchschnitt.

Alternative: Wenn du eine Person beurteilst, überlege dir, wie du dich fühlen würdest, wenn die Person dünner wäre. Gibt es da einen Unterschied?

In 5 Schritten zur Sensibilisierung gegenüber Vorurteilen 

Die folgenden fünf Schritte sollen dir dabei helfen, deine unbewussten Wahrnehmungs- und Entscheidungsmuster zu erkennen, zu hinterfragen und zu reduzieren:

  1. Akzeptiere, dass du sogenannte  “Biases” hast. Es ist keine Schande, wir alle haben Unconscious Biases. Informiere dich über die Entstehung und Wirkungen dieser kognitiven Verzerrungen.
  2. Identifiziere Situationen, in denen Entscheidungs- und Beurteilungsfehler wahrscheinlich sind. Zeitdruck, Ärger, Multitasking und andere kognitive Belastungen sind jedenfalls Faktoren, die die bewusste Kontrolle von Vorurteilen erschweren. Hole dir von deinen Freund*innen und Kollegen/-innen Feedback zu deinen persönlichen “Muster” ein.
  3. Analysiere mit der 3-Phasen-Regel, wie  du Situationen wahrnimmst
  • Beobachtung: Was sehe ich? Was lese oder höre ich? 
  • Interpretation: Was denke ich? Wie ordne ich zu?
  • Bewertung: Was empfinde ich? Welche Emotion löst die Situation bei mir aus? Wie beurteile und entscheide ich? 
  1. Quelle bestimmen.
    Unsere Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse sind immer von unseren Erfahrungen bestimmt. Diese wiederum sind geprägt von der Kultur, in der wir aufwachsen, leben und arbeiten. 
  2. Reflektiere Fragen wie: Woher könnte ein mögliches Vorurteil stammen? Wo und wie habe ich gelernt, so zu reagieren? Welche kulturellen Werte und Normen sind mit meiner Interpretation und Bewertung verbunden? 
  3. Reduziere deine Biases und achte auf Rückfälle.
    Werde Vorurteilen gegenüber sensibler und lerne, sie auszuschalten. 
  4. Praxis-Challenge: Mache ein (Gummi-) Armband um dein Handgelenk. Am besten eines, das sich leicht wieder abstreifen lässt. Ziel der Challenge ist es, das Armband 21 Tage lang am gleichen Arm zu tragen. Allerdings musst du den Arm immer dann wechseln, wenn du über jemanden urteilst. Dieses Urteil musst du dafür gar nicht laut ausgesprochen haben. Verurteilen fängt schon da an, wo du jemanden in Gedanken in eine Schublade steckst. Wie negativ oder positiv dieses Urteil ausfällt, spielt keine Rolle.

Fazit: Vorurteile ablegen ist nicht einfach, aber möglich!

Jeder Mensch hat Vorurteile. Wie du bestimmt gemerkt hast, auch du! Vorurteile sind praktisch, solange man sie nicht am Menschen ausprobiert. Denn sie haben einen großen Einfluss auf unser Verhalten gegenüber anderen. Dann kann es gefährlich werden. Zum Glück kannst du etwas dagegen tun – nämlich mit den Schritten aus diesem Artikel! Bedenke: Grundsätzlich geht es gar nicht darum, niemals wieder ein Urteil über jemanden zu fällen. Es geht vielmehr darum, dafür sensibilisiert zu werden, wie häufig und wie selbstverständlich wir Menschen verurteilen. Die Gerechtigkeit kommt dann mit der Zeit von selbst.

Wie begegnest du Vorurteilen am Arbeitsplatz? Hast du selbst schon einmal Vorfälle erlebt, in denen Kollegen, als auch du verurteilt wurden? Schreibe es gerne in die Kommentare!